Was sagt das Publikum? Theoretische und literarische Beiträge zur politischen Kultur der Weimarer Republik

Marion Löffler (Universität Wien)

In den staatstheoretischen Auseinandersetzungen der 1920er und frühen 1930er Jahre in Deutschland bilden Parlamentarismus, Rechtsstaatlichkeit und Weimarer Verfassung kontrovers verhandelte Themen. Zentral drehen sich diese Debatten um die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Demokratie – darüber hinaus aber auch um die Gültigkeit liberaler Demokratiekonzeption. Einerseits bestand weitgehender Konsens darin, dass die Zustimmung des Volkes die zentrale Legitimation für den Staat und seine Politik bereitstellt. Andererseits waren die Verfahren umstritten, die eine Partizipation der BürgerInnen an politischen Entscheidungsprozessen sicherstellen sollten. Die übliche Darstellung der Weimarer Staatsdebatte folgt einer dichotomen Einteilung in rechtspositivistisch-demokratische und antipositivistisch-antidemokratische Standpunkte.

An den politisch als heterogen einzuschätzenden Beiträgen von Theoretikern wie Otto Kirchheimer, Gerhard Anschütz, Gustav Radbruch, Hermann Heller und Rudolf Smend soll zunächst aufgezeigt werden, wie sich die Begründungssuche nach der Legitimität des Staates zusehends von der juridischen Debatte in ein recht diffuses Feld politischer Kultur bewegt hat. Damit lässt sich die These aufstellen, dass sich sehr wohl eine Art antipositivistisches Demokratieverständnis entwickelt hat, das der dichotomen Einteilung widerspricht. Ein zentrales Element darin bildet die Öffentlichkeit bzw. die öffentliche Meinung als Orientierung für das Agieren von politischen Repräsentanten und staatlicher Institutionen. Welche Formen diese annehmen können, wird in einigen Polit-Romanen der Zeit dargestellt, die gerade die Rolle der Presse und der öffentlichen Meinung sehr ambivalent behandeln.

Dies soll anhand einiger Romane diskutiert werden, insbesondere von Joseph Roth (Das Spinnennetz), Lion Feuchtwanger (Erfolg) und Hans Fallada (Bauern, Bonzen und Bomben). Im Polit-Roman wird das Spektrum politischer Akteure um Vertreter der Presse erweitert. Diese beeinflussen direkt oder indirekt das Verhalten von Politikern und Bürokraten. Dabei agieren Journalisten aber selten als neutrale Berichterstatter. Sie werden vielmehr selbst zu politischen Akteuren. Das politische Agieren der Presse und die strategische Berücksichtigung des Publikums im Handeln politischer Repräsentanten werden in den theoretischen Überlegungen meist marginalisiert. Im Polit-Roman werden sie hingegen prominent verhandelt. Eine Zusammenführung von Staatstheorie und fiktionaler Literatur kann letztlich die Ambivalenzen politischen Agierens und ihrer Relevanz für die politische Kultur der Weimarer Republik jenseits von demokratischen und antidemokratischen Legitimationsmustern erhellen.

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