Spiegelungen der eigenen Gegenwart im historischen Film der Weimarer Republik

Brigitte Braun (Universität Trier)

In Deutschland etablierte sich in den Jahren der Weimarer Republik eine blühende Film- und Kinokultur, die bis heute nur bruchstückhaft rezipiert wird. Entscheidenden Einfluss auf die Art der Rezeption hatten zwei Werke: Siegfried Kracauers Von Caligari zu Hitler und Lotte Eisners Die dämonische Leinwand. Beide Werke versuchten, aus der Rückschau des Exils typische Motive des deutschen Films heraus zu filtern, die Rückschlüsse auf eine “deutsche Volksseele” (Eisner) bzw. eine sozialpsychologische mentale Disposition für den Nationalsozialismus erlaubten. Lange Zeit folgte die Filmgeschichte den ausgewählten Filmbeispielen (Kanonbildung) und Argumentationssträngen, ohne die Filmauswahl zu erweitern und die zeitgenössische Rezeption sowie die gesellschaftlichen Kontexte genauer zu berücksichtigen. Das in den letzten Jahren neu erwachte Interesse an der Weimarer Republik hat jedoch zu einer Revision der Sichtweise auch auf den Film dieser Zeit geführt (Stiasny, Rogowski, Kaes) und den Blick auf andere populäre Filmgenres und zeitgenössischen Lesarten gelenkt.

Anhand eines der erfolgreichsten Filmgenres der Weimarer Zeit, des historischen Films, möchte ich zeigen, wie zeitgenössische gesellschaftliche Kontexte die Sicht auf vergangene Epochen und Ereignisse beeinflussen und zugleich die eigene Gegenwart spiegelten, Deutungsmuster transportierten, die für die Zeitgenossen als Anspielungen gegenwärtige Verhältnisse zu verstehen waren. Rezensionen, Zensurgutachten, Tagebucheinträge und begleitende Filmbroschüren bieten zahlreiche Hinweise auf Diskurse über die Gegenwart in historischer Verkleidung. Erfahrungen von Niederlage, Revolution und Besatzung, die Hoffnung auf Einigkeit im Chaos ließen in der Weimarer Republik zuweilen die Grenzen zwischen historischen Leinwandhelden und Zuschauern verschwimmen und machten das Kino zu einem sozialen Ort, an dem die Zuschauer keineswegs stumm vor der Leinwand verharrten und sich nur dem Eskapismus preis gaben. (Diese Sichtweise untermauern einige Filmverbote, die von der Handlungsrelevanz solcher Filme ausgingen.)

Welche historischen Themen genossen weshalb eine so große Popularität im Weimarer Kino? Welche Sinnzusammenhänge stellten diese Filme her und  welche zeitgenössischen Diskurse spiegelten sie? Welche kollektiven Identitäten versuchten sie zu konstruieren? Der Vortrag diskutiert diese Fragen aus der Perspektive einer filmgeschichtlichen Forschung, die den Film und das Kino kulturgeschichtlich kontextualisiert und den filmhistorischen Kanon zugunsten des populären Kinos aufbricht.




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