Geschlecht, Staat und Partizipation: Else Frobenius und Katharina von Kardorff-Oheimb

Silke Helling (Universität Hamburg) and Cornelia Baddack (Universität zu Köln)

Als am 12. November 1918 das Frauenstimmrecht in Deutschland eingeführt wurde, nahm dies auf die Lebensgestaltung der gebürtigen Baltendeutschen Else Frobenius (1875-1952) und der aus dem Rheinland stammenden Katharina von Kardorff-Oheimb (1879-1962) entscheidenden Einfluss. Nach bürgerlicher Sozialisation und früher Eheschließung hatten private Erschütterungen beide Frauen jeweils im Alter von 33 Jahren nach Berlin geführt. Hier mühte sich Frobenius als Journalistin und Kolonialfunktionärin um ihren Lebensunterhalt, während Kardorff-Oheimb als vermögende Fabrikbesitzerin finanzielle Unabhängigkeit genoss.
Der Vortrag präsentiert in einem verzahnten biografischen Zugriff zwei Zeitgenossinnen der Weimarer Republik, die sich persönlich kannten und jener Generationenkohorte konservativer Frauen angehörten, auf deren Politisierung der Erste Weltkrieg katalysatorisch gewirkt hatte. Beide Akteurinnen entschieden sich im Winter 1918/19 für eine rege Mitarbeit innerhalb der Deutschen Volkspartei (DVP) und machten ihren Anspruch auf Mitbestimmung und Mitgestaltung innerhalb und außerhalb der männlich dominierten Arenen und Institutionen geltend. Dabei besetzten allerdings die Reichstagsabgeordnete Kardorff-Oheimb und die mehrfach am unteren Ende der Reichstagsliste chancenlos kandidierende Frobenius zunehmend abweichende soziale und inhaltlich-politische Positionen.
Im Verlauf der Weimarer Republik publizierten beide Protagonistinnen je eine Vielzahl tagesaktueller Stellungnahmen und beide schrieben später ihre Lebenserinnerungen nieder. Auf der Grundlage der sich hierin äußernden pro- und retrospektiven Sichtweisen und unter Einbeziehung ihrer individuellen Tätigkeitsprofile und Lebenssituationen untersucht der Beitrag am Beispiel zweier politisch wie publizistisch höchst aktiver Frauen, welche Zuschreibungen die Weimarer Republik in den zentralen Kategorien Geschlecht, Staat und Partizipation erfuhr.

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