Begrenzt haltbar: die Kroll-Oper als republikanisches Laboratorium

Michael Schwalb (Westdeutscher Rundfunk, Köln)

Das “Experiment Kroll-Oper” war der Versuch, im Musiktheater eine Kunstform zu schaffen, die den demokratischen Errungenschaften der ersten deutschen Republik Rechnung tragen sollte. Die neue Gesellschaft brauchte angemessene künstlerische Ausdrucksformen, weshalb eine “soziale Kunstpflege” das proklamierte Ziel dieser “Republik-Oper” (Otto Klemperer) war: Nicht mehr dem elitären Geschmack der Hochkultur wollte man verpflichtet sein, sondern das von fortschrittlichen Künstlern und Kulturpolitikern initiierte Institut war ganz aus dem Geist einer sozial orientierten Volksoper konzipiert. Der berühmteste Exponent der neuen Oper war ihr Generalmusikdirektor Otto Klemperer, der sich in der Reichshauptstadt Berlin als “Dirigent der Republik” profilierte.

In den turbulenten Zeiten der Weimarer Republik konnte die neue Oper aber nur über vier Spielzeiten zwischen 1927 und 1931 überleben; sie wurde rasch zum Spielball reaktionärer Kräfte und von den Vorboten nationalsozialistischer Kulturpolitik aufgelöst. Die in dieser kurzen Blütezeit ansatzweise entwickelten Ideen erwiesen sich jedoch als überlebensfähig und wurden nach dem 2. Weltkrieg von Wieland Wagner für “Neu-Bayreuth” oder in Ost-Berlin von Walter Felsenstein in der Komischen Oper aufgegriffen.

Mein Paper (mit Bild- und Tonbeispielen) beschäftigt sich am Beispiel der Kroll-Oper mit der Frage, wieweit eine avancierte Kulturinstitution bloß Spiegel der Gesellschaft ist oder ein Machtfaktor, der vielleicht sogar Einfluss auf die Politik zu nehmen vermag.

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