Abseits der Republik? Nachexpressionistische Komplexität der Künste

Gustav Frank (Ludwig-Maximilians-Universität, Munich)

Obwohl die Gliederungsprinzipien vieler Handbücher zur Literatur und zum Film es nahelegen, stellen weder das Jahr 1918 noch das Jahr 1933 einen epochalen Bruch im Bereich der Künste dar. Während der Weimarer Republik wird also geschrieben, gemalt, gedreht, eine Kunst, eine Literatur der Weimarer Republik gibt es dagegen nicht, ja nicht einmal einen Film.

Die These mag überraschen, vor allem was das Ende der Republik angeht, zumal die staatlichen und politischen Bedingungen von Öffentlichkeit sich dramatisch wandeln und viele Künstler mit Unterdrückung und Exil für das bezahlen, was sie während der Weimarer Jahre produziert hatten. Dennoch behält sie ihre Gültigkeit, wenn die Produkte selbst in der “Logik ihres Produziertseins” (Adorno) betrachtet werden. Was später die “Innere Emigration” heißen wird, gewinnt seine Form längst in Texten um die Dresdener Kolonne in den späten 20er Jahren, der Roman des Exils eines Feuchtwanger oder Klaus Mann unterscheidet sich bestenfalls thematisch von dem der 20er Jahre, der operative Roman der Linken gewinnt oder verliert allenfalls graduell an Schärfe der Kritik, während die verschiedensten Bemühungen im Streit um einen angemessenen “Realismus” (Carl Einstein: Die Kunst des 20. Jahrhunderts, 1926), sei er nun anti-naturalistisch, magisch oder sozialistisch, konvergieren.

Die Komplexität, zu der die Künste im “Nach-Expressionismus” (Franz Rohe) sich seit spätestens 1925 auffalten, umfaßt mit mindestens der Neuen Sachlichkeit, dem Magischen Realismus und dem Surrealismus eine ganze Reihe von Alternativen. Der Beitrag will zeigen, wie man von dieser Gemengelage aus beginnen sollte, die Komplexität der Republik selbst zu denken; denn sie kommentiert deren Zustand nicht nur, wie bisher mehrheitlich vermutet wurde, sie fundiert ihn geradezu.

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